Herrn Hugo Rafael Chávez Frias,
Präsident der Bolivarischen Republik Venezuela
Sehr geehrter Herr Präsident,
In unserem ersten Brief an Sie im November 2004 beschrieben wir die miserablen Arbeitsbedingungen, finanziellen Härten und Rechtlosigkeit iranischer Arbeiter. Seither hat sich die wirtschaftliche und soziale Lage für arbeitende und arme Menschen im Iran deutlich verschlechtert. Die Probleme der iranischen Arbeiter liegen in drei Bereichen:
Unabhängige Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen sind seit Jahrzehnten nicht zugelassen. Jeglicher Protest für bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen – geschweige denn Solidaritätsmaßnahmen mit anderen Arbeitern – wird rasch und brutal unterdrückt. Selbst Protest zur Einforderung von lange ausstehenden Lohnzahlungen – dieses Problem ist weit verbreitet – wird von den Sicherheitsorganen systematisch unterdrückt. Jetzt werden auf Geheiß der iranischen Regierung Arbeiter verprügelt, wenn sie an Maikundgebungen teilnehmen. Damit will die Regierung die Arbeiterbewegung um Jahre zurückwerfen.
Bislang haben drei Arbeiter jeweils zehn Peitschenhiebe erhalten und droht weiteren acht Arbeitern dieselbe Strafe für das „Verbrechen“ der Teilnahme an einer Maikundgebung. Sie wissen sicherlich, dass Peitschenhiebe für Arbeiter im 15. und 16. Jahrhundert in Westeuropa weit verbreitet waren. Unter dem Vorwand der Bekämpfung der Landstreicherei wurden damals tausende Arbeiter so lange verprügelt, bis sie sich der höllischen Disziplin der neuen Manufakturen unterwarfen. Diese Disziplin war für die Ausbeutung von vielen tausend Männern (später auch Frauen und Kindern) durch eine Handvoll Profiteure nötig. Peitschen bis zum Bluten war das Mittel, mit dem die Massen der Arbeiter von ihrem Land vertrieben und in die Vorläufer der heutigen Fabriken gezwungen wurden.
Doch das Auspeitschen wurde im 18. Jahrhundert in den meisten europäischen Ländern verboten – in England Anfang des 18. Jahrhunderts. Solange es auf dieser Erde allerdings ein System wie die Islamische Republik Iran gibt, wird sich die Geschichte weiterhin noch blutiger und tragischer wiederholen. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts – drei Jahrhunderte nach der Aufhebung solcher Strafen durch die englische Königin Anne – hat die iranische Arbeiterbewegung mit solchen riesigen Rückschritten zu tun.
Wir sind davon überzeugt, dass das iranische Regime mit solchen Schritten die Arbeiter einschüchtern und zur Unterwerfung zwingen will, weil immer mehr öffentliche Betriebe privatisiert und Subventionen und Sozialleistungen abgebaut werden; so will man internationale Konzerne ins Land holen. Die Elite des Regimes denkt, dass die Ausbeutung der Arbeiterklasse so für Exxon Mobil and ähnliche Konzerne attraktiv wird. Die böse Logik hinter diesem Schritt nach hinten soll eine Art Hi-Tec-„Barbarei des 21. Jahrhunderts“ schaffen.
Als ein politischer Vordenker, der sich für den Sozialismus des 21. Jahrhunderts einsetzt, bitten wir Sie darum, Ihren Einfluss und Ihre Beziehungen zu diesem Regime geltend zu machen, um ein Auspeitschen von Arbeitern zu beenden und eine Freilassung aller inhaftierten Arbeiter-Aktivisten, eine Legalisierung der Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen und Versammlungsfreiheit, Streikrecht und das Recht auf Maikundgebungen durchzusetzen.
Hochachtungsvoll
Netzwerks Iranische Arbeitersolidarität
13. März 2008
BM IWSN, London WC1N 3XX, England.